DIE POESIE VON PORZELLAN

    Regelmäßig pflegt die KPM Berlin den Austausch mit wichtigen kreativen Köpfen unserer Zeit. Die jüngste Kooperation brachte sie mit dem Design-Studio New Tendency zusammen: ein Gespräch aus unserem Kundenmagazin WEISS No. 3 über Bauhaus, Teller und Schaffensprozesse

    Das Design-Studio in einem Kreuzberger Hinterhof am Kottbusser Tor ist nicht leicht zu finden. Nur ein unscheinbares Schild verrät, dass sich hier eines der angesagtesten Design-Labels der Stadt befindet: New Tendency. Dahinter stehen die Designer Manuel Goller und Sebastian Schönheit, die sich seit dem Studium kennen, sowie Manuels Bruder Christoph Goller, der fürs operative und finanzielle Geschäft zuständig ist. Die drei arbeiten mit zwei weiteren Mitarbeitern in einer lichtdurchfluteten Fabriketage, feilen hier konzentriert und mit großer Ruhe an ihren Entwürfen. Gefertigt wird bei ihren Partnern, denn alle ihre Design-Objekte entstehen in enger Kooperation mit Künstlern, Architekten und Manufakturen. New Tendency entwickelt hauptsächlich Möbel. Eines seiner bekanntesten Produkte ist der Beistelltisch „Meta“ aus gefaltetem Stahl. Er steht für ein Design, das mit Perspektiven und Proportionen, mit filigranen und soliden Formen spielt. Damit hat sich New Tendency inzwischen auch international einen Namen gemacht und verkauft seine Möbel von New York bis Tokio.

    Sie stehen in der Tradition des Bauhauses und übersetzen es genial ins Jetzt: Sebastian Schönheit, Manuel Goller und Christoph Goller vom Berliner Design-Kollektiv New Tendency (v.l.n.r.) (Foto: Jonas Lindstroem)

    Gelegentlich wagt das Design-Trio aber auch Ausflüge in andere Bereiche. Vor anderthalb Jahren begann die Zusammenarbeit mit der KPM Berlin, bei der es „sofort gefunkt hat“, wie Manuel Goller sagt. Der 34-Jährige war schon immer fasziniert von der bewegten Geschichte der Porzellan-Manufaktur und von deren heutigem Bestreben, die Traditionsmarke mit zeitgenössischen Einflüssen zu bereichern. Gemeinsam mit KPM Chefdesigner Thomas Wenzel machten sie sich an die Arbeit – mit dem Ziel: vor keiner Herausforderung zurückzuschrecken und an die Grenzen des Machbaren zu gehen, was Porzellan betrifft. Das Ergebnis? Schwebend schön!

    Herr Goller, Sie haben an der Bauhaus-Universität in Weimar studiert. Wie hat Sie das Bauhaus geprägt? 
    Für mich war die Idee von Bauhaus die größere Inspiration als die Formensprache. Dazu zählt zum einen die Zusammenarbeit im Kollektiv: In den 1920er-Jahren haben in Weimar ganz verschiedene Akteure zusammengefunden und gemeinsam an einer größeren Idee gearbeitet. Zum anderen ging es um die Infragestellung des Status quo: Die Bauhäusler gaben sich nicht zufrieden mit dem, was war. Man verstand sich als Vorreiter, probierte Neues aus, brach mit alten Dingen und dachte sie weiter.

    Sind das die Gründe, warum das Bauhaus nach 100 Jahren immer noch so aktuell wirkt?
    Die Akteure waren ihrer Zeit weit voraus. Ich weiß nicht, ob wir heute im Gestaltungsbereich ähnlich avantgardistisch unterwegs sind wie damals. Heute wird eher zitiert oder sich auf bereits Bestehendes bezogen, aber nicht so radikal neu gestaltet.

    Stichwort: kollektive Zusammenarbeit. Wie kam es zur Kooperation mit der KPM?
    Die KPM hat auf uns schon immer eine Faszination ausgeübt. Es ist eine Manufaktur, vergleichbar mit den Bauhaus-Werkstätten, ein Ort, wo Menschen schöne Dinge produzieren.

    Sie sagen, dass Design kulturelle Werte erschaffen kann. Wie meinen Sie das?
    Unser Anspruch ist es, zeitlose Lebensbegleiter zu schaffen, mit denen sich die Menschen identifizieren können. Objekte, die neben der reinen Funktion durch Ästhetik und Haptik inspirieren und Freude bereiten. 

    Kolossal schlicht: Das Glas „Rien“ lässt New Tendency aus Borosilikatglas fertigen. Es wird wegen seiner Temperaturbeständigkeit oft in Laboren verwendet
    Ein Möbel mit Charakter: Der Beistelltisch „Meta“ aus der limitierten Serie „Truth to materials“ gehört zu den Signature-Stücken von New Tendency

    Wie gehen Sie bei Ihren Entwürfen vor?
    Wir wollen keine rein funktionalen Design-Objekte schaffen, sondern lebendige Produkte mit ausdrucksstarkem Charakter. Das ist auch die Entscheidungsgrundlage bei der Frage, ob wir ein bestimmtes Produkt veröffentlichen oder nicht. Es kann vom Design oder von der Handhabung her funktionieren, aber wenn es an Persönlichkeit fehlt, dann lassen wir uns lieber Zeit und entwickeln den Entwurf weiter. 

    Die KPM schafft auch Kulturgut . . . Ja, diesen Anspruch hat die KPM. Deswegen passte die Zusammenarbeit auch von Beginn an. Das Spannende ist, dass die Menschen den Charakter eines Objekts sofort verstehen, und zwar auch nonverbal. Wenn sie ein Produkt von uns oder von der KPM sehen, dann entsteht sofort eine Beziehung zu dem Objekt.

    Sie sprechen häufig von Poesie. Wie viel Poesie steckt im Porzellan?
    Porzellan ist ein sehr poetisches Material. Es verändert sich ja innerhalb des Schaffensprozesses. Der Werdegang von Porzellan gleicht einer Biografie: Der erste Zustand ist nahezu flüssig, dann wird es fast ledrig, aber immer noch formbar, anschließend wird es vorgebrannt und schrumpft plötzlich. Und am Ende bekommt es diese Festigkeit, diese einzigartige Haptik, für die wir Porzellan lieben. Ein sehr lebendiges Material – und jedes Objekt ist ein Einzelstück.

    Ist Porzellan für Sie ein neuer Werkstoff?
    Ja, es steht im Kontrast zu den Materialien, mit denen wir normalerweise arbeiten: Aluminium und Stahl. Eben deshalb ist Porzellan so spannend für uns.

    KPM und New Tendency haben gemeinsam eine Design-Studie zu einem Teller entwickelt, der in Produktion geht. Warum ein Teller?
    Wir wollen Dinge entwerfen, die man täglich benutzt, die selbstverständlich sind und den Alltag bereichern. Der Teller ist ein gutes Beispiel: Man verwendet ihn nicht nur einmal am Tag, sondern wahrscheinlich eher dreimal.

    Welche Design-Idee steckt in diesem Teller?
    Wir haben versucht, den Teller neu zu denken und ihn mit japanischen Einflüssen zu verbinden. Es ging darum, eine Bühne oder einen Rahmen zu schaffen – etwa für ein schönes, mit Liebe zubereitetes Gericht – und die kulinarische Kreation zu würdigen.

    Wie haben Sie die Idee umgesetzt?
    Wir haben einen außergewöhnlich hohen Fuß entwickelt. So entsteht unter dem Teller ein Schlagschatten – und der Teller scheint zu schweben. Von der Form ist er filigran und flach gearbeitet. Von vorne sieht er fast aus wie ein japanisches Serviertablett in Doppel-T-Form, sehr transparent. Dreht man den Teller, ist er komplett geschlossen. Und von oben sieht man den perfekten Kreis.

    Stapelt man die Teller übereinander, bilden sie eine eigene Form, beinahe wie eine Skulptur . . . Ja, das Objekt sollte nicht nur alleine funktionieren, sondern auch in der Vielzahl. Wir haben am runden Fuß des Tellers mit einem ganz präzisen Schnitt einen Teil in der Mitte herausgenommen, um die Leichtigkeit des Tellers zu unterstreichen. Das ist ein Gestaltungselement, das wir bei fast allen Objekten spielen: den Kontrast zwischen sehr filigranen und sehr massiven Formen.

    Die „Edition 2020“ der Zusammenarbeit ist auf 20 hochexklusive Sets zu je fünf Tellern limitiert und kann ab sofort unter preorder@kpm-berlin.com vorbestellt werden. Preis auf Anfrage. 


    Text: Heike Gläser
    Bilder: Jonas Lindstroem, PR, New Tendency

    Diese Beiträge könnten Sie auch noch interessieren