WOLTMANN trifft Hausfreunde Alice & Kilian Jay von Seldeneck

    Alice & Kilian Jay von Seldeneck ersteigern und versteigern mit großer Leidenschaft Porzellan. Jörg Woltmann, Eigentümer der KPM Berlin, sprach für unser WEISS Magazin No. 5 mit dem Ehepaar über Dinge, die Geschichten erzählen, und Kunstwerke in Kinderhänden...

    JÖRG WOLTMANN: Wie sind Sie dazu gekommen, Porzellan zu sammeln? Für ein junges Paar, wie Sie es sind, ist das doch eher unüblich.
    ALICE VON SELDENECK: Ich finde, man sollte als Sammler immer das kaufen, woran man Freude hat. Wenn jemand nur etwas ersteht, weil er meint, er tätigt damit eine gute Geldanlage, sammelt er falsch.
    KILIAN VON SELDENECK: Es gibt einen schönen Begriff: Neben der monetären Rendite, die man sich verspricht, gibt es auch eine emotionale Rendite. Wenn Sie jeden Tag an einem Sammelobjekt vorbeigehen und sich daran erfreuen, ist das doch unbezahlbar.

    JÖRG WOLTMANN: Was begeistert Sie an den Objekten der KPM Berlin?
    KILIAN VON SELDENECK: Die Formensprache, die in dieser Berliner Manufaktur entwickelt wurde, finde ich sehr spannend. Die Großmeister der jeweiligen Epochen konnten sich hier am Werkstoff Porzellan versuchen.
    ALICE VON SELDENECK: Worauf wir uns beim Sammeln konzentrieren, sind die Porzellane des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit haben sich viele Künstler und Künstlerinnen in der KPM gegenseitig beflügelt. Die klassischen Formen von Trude Petri, Siegmund Schütz, Enzo Mari und Marguerite Friedlaender haben meines Erachtens noch viel Potenzial. Das Interesse daran steigt.

    JÖRG WOLTMANN: Diese Epoche steht auch im Fokus einer Publikation, die ich mit meiner Stiftung unterstützt habe. In dem dreibändigen Werk „Porzellan der KPM Berlin 1918–1988“ widmet sich der Autor Tim Gronert der modernen Berliner Porzellanproduktion.
    ALICE VON SELDENECK: Tim Gronerts Publikation war für mich ein Highlight 2020. Ein Band handelt allein von den Künstlerinnen und Künstlern, die für die KPM gearbeitet haben. Ich finde es toll, dass sich ein junger Mann zehn Jahre in dieses Thema vertieft und als Sohn eines Antiquitätenhändlers ganz viel Familienwissen eingebracht hat.

    JÖRG WOLTMANN: Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich die Manufaktur übernommen habe, war ich lediglich Nutzer des KPM Porzellans. Mein erstes KURLAND Service habe ich mit 28 Jahren gekauft und besitze es noch immer. Heute – als Liebhaber und Sammler – habe ich natürlich auch die Klassiker wie die PRINZESSINNENGRUPPE, den SCHINKELKORB und die FRIEDRICH Büste. Jedes ist ein kompliziertes und im Herstellungsprozess sehr anfälliges Meisterwerk. Haben Sie ein Herzensstück aus unserer Manufaktur?
    KILIAN VON SELDENECK: Wir haben vor Kurzem ein BLUMENSCHIFF von Siegmund Schütz gekauft, in einer sehr speziellen 50er-Jahre-Bemalung: auf der einen Seite schwarz, auf der anderen innen gelb und außen weiß.
    ALICE VON SELDENECK: Es hat einen Steckeinsatz aus Porzellan, den ich jede Woche neu mit Blumen bestücke. Das sieht jedes Mal anders aus. Es ist eigentlich ein Kunstwerk. KILIAN VON SELDENECK: Der ganze Tisch ist damit schön geschmückt und gleichzeitig lässt es ein Gespräch über die Blumen hinweg zu. Eine Vase steht ja manchmal im Weg.

    JÖRG WOLTMANN: Sie haben vier Kinder … Wird Ihr KPM Geschirr auch benutzt oder steht es in der Vitrine?
    KILIAN VON SELDENECK: Wir haben vier Kinder – unser ältester Sohn ist gerade zehn geworden – und einen Hund. Trotzdem kommt bei uns das gute Geschirr auf den Tisch.
    ALICE VON SELDENECK: Ja, das ist mir wichtig. Ich möchte die Kinder schon früh an schöne Dinge gewöhnen.

    JÖRG WOLTMANN: In meinem Elternhaus wurde nur sonntags vom guten KPM Geschirr gegessen. Und mir war schon früh bewusst, dass es etwas Besonderes war. Mein Bruder und ich mussten dann nicht den Tisch decken und abräumen, durften nicht abwaschen und abtrocknen. Das war zu gefährlich fürs gute Service. Uns war das sehr recht, wir haben vor allem den Abwasch gehasst.
    KILIAN VON SELDENECK: Unsere Kinder werden mit KPM groß und haben ein Gefühl für diesen Werkstoff, der seit 1763 einen Zauber verströmt und bis heute die Menschen fasziniert. Sie haben keine Berührungsängste.
    ALICE VON SELDENECK: Im Gegenteil. Kürzlich ist etwas ganz Tolles passiert. Ich hatte in Hamburg zwei verschiedene Teeservice von KPM gekauft, aber beide im gleichen Design. Die Gelegenheit war einfach zu verlockend. Als ich die große Kiste mit den beiden Servicen geliefert bekam und auspackte, war mein fünfjähriger Sohn dabei. Er nahm sich zwei Tassen, drehte sie um und sagte: „Mami, guck mal, die sehen zwar gleich aus, aber auf der einen ist ein Reichsapfel. Die ist von vor dem Krieg, die andere von danach.“

    JÖRG WOLTMANN: Er hat es an der Kennzeichnung unter den Tassen erkannt?
    ALICE VON SELDENECK: Ja. Allein, dass er den Begriff Reichsapfel kannte, hat mich überrascht. Ich habe ihn gefragt: „Woher weißt du denn das?“ „Hat mir mal der Papi erzählt“, war seine Antwort.

    JÖRG WOLTMANN: Als Tochter von Henrik Hanstein, der in fünfter Generation das Kunstauktionshaus Lempertz in Köln leitet, sind auch Sie umgeben von kostbaren Objekten aufgewachsen. War Ihnen das als Kind bewusst?
    ALICE VON SELDENECK: Bewusst war mir das als Kind natürlich nicht, aber es ist bestimmt auch nicht ganz spurlos an mir vorübergegangen. Einen Sinn für die schönen Dinge haben mir meine Eltern auf jeden Fall mitgegeben.

    JÖRG WOLTMANN: Wenn Sie sich den Markt heute anschauen: Würden Sie jemandem raten, Porzellan zu sammeln?
    KILIAN VON SELDENECK: Wenn Sie ein junger, aufstrebender Sammler sind und ein Budget von – sagen wir mal – 5.000 oder 10.000 Euro in die Hand nehmen, bekommen Sie dafür gerade einmal eine Edition von Gerhard Richter. Aber Sie können sich mit Sicherheit ein spannendes Stück von der KPM kaufen, das aus dem Kanon der Kunstgeschichte nicht wegzudiskutieren ist.
    ALICE VON SELDENECK: Und dieses Stück behält seinen Wert. Wenn Sie zum Beispiel eine KPM Tasse nur lange genug behalten, dann können Sie daran sogar richtig viel Geld verdienen. Zugegeben: Es dauert. Was wir jetzt teuer verkaufen, ist das Porzellan des 18. Jahrhunderts. 250 Jahre können Sie nicht warten … Aber Sie könnten es vererben. Oder auch bereits nach einer Woche wieder zu einem guten Preis verkaufen.

    JÖRG WOLTMANN: Man denkt gemeinhin vielleicht, dass Porzellan gar nicht so en vogue sei.
    KILIAN VON SELDENECK: Ich habe das Gefühl, dass Porzellan ein Sammelgebiet ist, dem schon jetzt viel Dynamik innewohnt. Wir haben viele Freunde, die sich für Porzellan begeistern. Es gibt diese sogenannten Conversation Pieces: Konversationsstücke, die gekauft werden, um damit Geschichten und Geschichte zu erzählen. Und mit den alten Techniken, die die KPM jetzt wiederaufleben lässt, spannen sie einen Bogen zwischen den Generationen.

    JÖRG WOLTMANN: Was gefällt Ihnen besonders? 
    ALICE VON SELDENECK: Die Lüstermalerei auf den BERLIN Frühstückstassen zum Beispiel. Das sind prachtvolle Gastgeschenke – ein modernes Design und durch die Lüstermalerei gleichzeitig tief in der KPM Geschichte verwurzelt.

    Diese Beiträge könnten dich auch noch interessieren